Warum Pflegekräfte nicht Vollzeit arbeiten sollten

20. November 2020 | Autor: Christoph Lixenfeld

In der Pflege gilt der Politik das Aufstocken von Arbeitszeiten als Wundermittel gegen den Personalmangel. Doch ein solcher Schritt lohnt sich finanziell für die Beschäftigten fast nie, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.

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In der Pflegebranche ist der Frauenanteil mit über 80 Prozent besonders hoch – und damit auch der Anteil der Minijobberinnen und Teilzeitkräfte. Würde zumindest ein Teil von ihnen vollzeit arbeiten, bräuchten Heime und Pflegedienste nicht so verzweifelt nach zusätzlichen Kräften zu suchen.
Für diese Lösung wirbt die Politik seit Jahren: Der Abschlussbericht der „Konzertierten Aktion Pflege“, einer Initiative von drei Bundesministerien, empfahl den Arbeitgebern der Branche schon im Juni 2019, nach Möglichkeit allen ihren MitarbeiterInnen Vollzeitstellen anzubieten.

„Vernichtendes Urteil über die Arbeitsbedingungen“

Das Problem dabei: Pflegekräfte wollen gar nicht mehr arbeiten. Wie eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr ergab, kann sich nur jede achte von ihnen vorstellen, ihre Arbeitszeit aufzustocken. Das sei „ein vernichtendes Urteil über die Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern, Altenheimen und ambulanten Diensten“, schrieb der Tagesspiegel dazu.
Außerdem spricht das Ergebnis Bände darüber, wie sich diese Bedingungen zuletzt entwickelt haben. Denn bei der gleichen Umfrage drei Jahre zuvor konnte sich noch jede Vierte – also doppelt so viele – vorstellen, mehr zu arbeiten als bisher. 

Mit Vollzeit nur 600 Euro mehr als ohne Arbeit

Als Grund, bei ihrer bisherigen Stundenzahl bleiben zu wollen, geben die meisten an, die Belastungen bei Vollzeit seien ihnen zu hoch. Und es gibt noch ein weiteres, mindestens ebenso stichhaltiges Argument gegen das Aufstocken: Es lohnt sich finanziell nicht. Wie eine aktuelle Studie des Ifo-Instituts für die Bertelsmann Stiftung ergab, bleibt sowohl bei Alleinstehenden als auch bei Alleinerziehenden und bei verheiratete ZweitverdienerInnen von einem Mehrverdienst traurig wenig übrig.
Dazu ein paar ernüchternde Zahlen: Alleinstehenden, die aus ihrem Minijob eine Vollzeitstelle machen, bleiben von zehn Euro brutto mehr lediglich 2,50 bis 3,90 Euro netto.
Alleinerziehende mit zwei Kindern hätten bei einem Fulltimejob – verglichen mit dem Bezug von Arbeitslosengeld II – monatlich lediglich ca. 600 Euro zusätzlich im Portemonnaie.

Doppelt so viele Stunden und am Monatsende 74 Euro mehr…

Noch demotivierender fallen die Zahlen für verheiratete Zweitverdiener(Innen) aus: Verdient der eine Partner 48.000 Euro im Jahr – so rechnet das Ifo-Institut vor – und stockt seine Partnerin von einem Mini- zu einem Teilzeitjob auf, arbeitet also doppelt so viel, dann hat sie netto am Ende des Monats sage und schreibe 74 Euro mehr (bei 10 Euro Stundenlohn).  
Das bedeutet, dass sich für Alleinstehende und für verheiratete ZweitverdienerInnen mehr als ein Minijob finanziell eigentlich gar nicht und für Alleinerziehende kaum lohnt.

Die Ungerechtigkeit trifft vor allem Frauen

Ursache für diese absurde Situation ist laut Ifo-Forscher Andreas Peichl ein „fatales Zusammenwirken von Steuern, Abgaben und dem Entzug von Sozialleistungen.“ Im Falle der Verheirateten mindert vor allem das Ehegattensplitting den Zuverdienst wie beschrieben.
In der Praxis trifft diese Benachteiligung vor allem Frauen: Von 7,6 Millionen Ehefrauen im Erwerbsalter haben sechs Millionen ein geringeres Einkommen als ihr Mann – und sind demnach ZweitverdienerInnen. 
Ifo-Forscher Andreas Peichl findet all das „nicht gerecht, und es ist kein Anreiz insbesondere für Frauen, mehr zu arbeiten, obwohl jetzt die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach in die Rente gehen.“ Seiner Ansicht nach muss „dieser Systemfehler beseitigt werden. Die Arbeitsbevölkerung schrumpft, wir brauchen bald jede Hand an Deck.“

Appelle werden nichts nützen

Wobei mindestens in der Pflegebranche von „bald“ keine Rede sein kann, hier ist die Personalnot ja schon heute dramatisch. Um sie zu beseitigen – daran besteht spätestens seit der zitierten Ifo-Studie kein Zweifel – werden Appelle der Politik fürs Aufstocken von Arbeitszeiten wenig bis nichts nützen. Was es stattdessen bräuchte, wäre neben der Pflege- eine umfassende Steuerreform, die die Benachteiligung von Frauen beendet. Doch davon sind wir aktuell noch weiter entfernt als von einer Pflegereform, die die Verhältnisse wirklich und nachhaltig verbessert.

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