24-Stunden-Pflege: Warum die
Verhältnisse nicht gottgegeben sind

25. August 2020 | Autor: Christoph Lixenfeld

„24-Stunden-Pflege“ ist bei uns im Grunde immer illegal, schrieb ich auf Twitter. „Und nun?“ fragte daraufhin ein Follower. Im Sinne von: Was können die Familien denn tun? Antworten auf eine mehr als berechtigte Frage.

© Christoph Lixenfeld

Zunächst sollten wir uns klarmachen, dass die in Deutschland herrschenden Verhältnisse mitnichten gottgegeben und alternativlos sind. Sondern die Politik wollte durch Einführung der Pflegeversicherung einen Rechtsanspruch auf gewisse Hilfen schaffen – die allerdings streng kontingentiert wurden, um die Kosten zu begrenzen. Also schuf man Pflegeprodukte („Leistungskomplexe“) und dazu eine Verdienstlogik, die private Anbieter anlocken musste und sollte. Pflege wurde von der Wohltat zum Produkt.
Diese politische Entscheidung bescherte uns das Gros jener Probleme, die heute mit dem Thema verbunden sind.

Die wenigsten benötigen eine echte 24-Stunden-Pflege

Wie es anders laufen könnte? Indem in der Kleinstadt Beispielhausen ein städtischer Pflegedienst von den Familien stundenweise engagiert werden kann und auch einen Bereitschaftsdienst für die Nacht anbietet. Wobei eine MitarbeiterIn für zwei oder drei Pflegebedürftige zuständig ist – und natürlich nicht sieben Tage pro Woche Bereitschaft hat, sondern zwei.
Die wenigsten Kunden brauchen eine echte 24-Stunden-Betreuung. Sondern es geht in der Regel darum, dass Angehörige ohne Angst um Mutter oder Oma zur Arbeit und zum Einkaufen gehen können, weil sie wissen, wenn es darauf ankommt, steht jemand bereit. Sicherstellen und steuern lassen sich solche Einsätze längst problemlos mithilfe digitaler Tools.
Und wenn die Kinder der Pflegebedürftigen in den Urlaub fahren, dann wird diese für drei Wochen im Pflegeheim von Beispielhausen versorgt – ohne dass dabei Leistungen und ihre Bezahlung umständlich  gegeneinander aufgerechnet werden müssen. Es gibt zwischen Heim und Pflegedienst auch keine Konkurrenz um Kunden und Pflegeleistungen, weil beide städtisch sind. Ihr Ziel sind nicht möglichst morbide Pflegebedürftige – weil sie ökonomisch nichts davon haben. Stattdessen werden die alten Menschen systematisch trainiert, um sie so fit und so selbständig wie möglich zu halten – wie dies in Dänemark und in Schweden geschieht.

Ich weiß, das Beschriebene klingt nach dem Traum von einer besseren Welt – aber es ist mehr als das. Es gibt auch im echten Leben Anbieter, die diesen Weg gehen wollen. Einer von ihnen ist das „Quartiert am Stadtgarten“ im rheinischen Erftstadt. Die Einrichtung der Caritas mausert sich gerade – gegen die Widerstände des Systems – vom Pflegeheim zum integrierten Quartiersversorger. Mehr dazu demnächst hier.

Das Pflegebudget hätte vieles geändert

Wenn die Familie nicht wie bisher definierte Pflegeleistungen bekommt wie beim Kosmetiktermin, sondern ein Budget, über dessen Verwendung sie mitentscheiden kann, dann lässt sie sich auch leichter mit einbinden – zum Wohle aller. Genau diesen Ansatz hat es schon einmal gegeben. Von 2004 bis 2008 wurde in sieben deutschen Städten und Landkreisen im Rahmen eines Modellversuchs das „Pflegebudget“ getestet. Pflegebedürftige und behinderte Menschen konnten sich das Geld der Kassen auszahlen lassen und selbst entscheiden, welche Leistungen sie damit bei wem einkaufen wollten. Das durften nicht nur die üblichen Verrichtungen wie Waschen oder Anziehen sein, sondern zum Beispiel auch ein Spaziergang oder eine Massage.
Obwohl das Modellprojekt zu Beginn von allen Parteien im Bundestag unterstützt wurde, und obwohl viele Teilnehmer positive Erfahrungen damit machten, existierte das Pflegebudget nur bis 2008. Seine flächendeckende, dauerhafte Einführung scheiterte am massiven Widerstand der Heim- und Pflegedienstlobby – die mit kontingentierten, abgepackt zugeteilten Leistungen einfach besser verdient. Weitere Details auch dazu finden sich in meinem Buch.

Belastungen auf möglichst viele verteilen

Pflege ist insgesamt belastend. Und Belastungen sollte man – wie beim Bau einer Brücke – auf möglichst viele Punkte verteilen, damit das Konstrukt nicht an einer Stelle bricht. Eine solche Verteilung ist nur möglich, wenn alle Angebote und Möglichkeiten transparent sichtbar sind. Und nicht ein Teil davon – weil halb- bis garnicht-legal – unsichtbar bleiben muss.

Gäb es die beschriebenen Zwänge der Pflegeversicherung nicht, davon bin ich überzeugt, würden viele Arrangements auch ohne den Einsatz unterbezahlter Osteuropäerinnen in der 24-Stunden-Pflege funktionieren. Und dort, wo dieser Einsatz dennoch gewünscht ist, ließe er sich durchaus legalisieren und dadurch auch kontrollieren – wenn man denn wirklich wollte.

Alles bis hierhin Geschriebene nützt Familien wenig, die genau jetzt einen Pflegebedürftigen versorgen müssen und – natürlich – die  herrschenden Verhältnissen nicht ändern können. Deshalb verurteile ich auch niemanden, der in der „24-Stunden-Pflege“ durch eine Osteuropäerin den einzig gangbaren Weg sieht.

Viele Betroffene sind schlecht informiert

Was ich aber empfehlen kann, ist, sich vorher en Detail über wirklich alle Pflege-Angebote und -Möglichkeiten in der eigenen Nachbarschaft zu informieren. Ergebnisse von Befragungen sagen uns seit Jahren, das Betroffene zu wenig über ihre Rechte und Ansprüche wissen.  
Beispielsweise machen viele Pflegedienste neben den Katalogleistungen der Versicherung auch individuelle Betreuungsangebote – gegen zusätzliche Bezahlung. Und sie arbeiten generell extrem unterschiedlich und unterschiedlich flexibel, deshalb lohnt es sich, bei der Auswahl genau hinzuschauen und den Dienst auch konsequent zu wechseln, wenn man mit seiner Leistung nicht zufrieden ist.
Beim Pflegedienst mehr einzukaufen als das, was die Pflegeversicherung bezahlt, hat auch den Vorteil, dass die Familie damit vom Empfänger staatlicher „Wohltaten“ zum Kunden wird. Und Kunden will man gut behandeln, damit man sie nicht verliert…
Nützlich sind darüber hinaus informelle Hilfen durch Nachbarn und Freunde. Vielleicht gibt es ja Familien, die in einer ähnlichen Situation sind? Dann man kann sich gegenseitig unterstützen – beim Einkaufen, beim Arztbesuch, beim Anreichen oder Vorlesen.

Politik ist erpressbar geworden

Politisch wird die sogenannte 24-Stunden-Betreuung in der bisherigen Form geduldet, weil die Verantwortlichen den Familien keine bezahlbaren legalen Lösungen zu bieten haben. Denn dazu müssten sie das vorhandene System radikal verändern. Was auch deshalb schwierig ist, weil sich die Politik mit Einführung der Pflegeversicherung, mit ihren Regeln auf der einen und Verdienstmöglichkeiten auf der anderen Seite den privaten Dienstleistern und ihrem Geld ausgeliefert hat – und dadurch erpressbar geworden ist.
Wir werden aus dieser Falle nur rauskommen, wenn wir uns von den Zwängen und von der Logik der Pflegeversicherung verabschieden, so schwierig das wird!

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