Corona und die Pflege:
Warum es so nicht weitergehen darf

16. April 2020 | Autor: Christoph Lixenfeld

Für dieses Jahr plante Jens Spahn eigentlich DIE große Pflegereform. Davon spricht aktuell niemand mehr. Ein großer Fehler.

© Andrea Kueppers

Nicht trotz, sondern gerade wegen Corona ist eine grundsätzliche Diskussion über die menschenverachtende Logik der deutschen Altenhilfe notwendiger denn je. Denn durch die Epidemie und ihre Folgen wird die Grausamkeit, die Menschenfeindlichkeit dieser Logik überdeutlich sichtbar.
Das System fördert Verelendung: Je schlechter der Zustand des Pflegebedürftigen desto höher der Pflegegrad desto mehr Geld bekommt der ambulante Dienst beziehungsweise das Heim, in dem der/die Betreffende wohnt.  
Wer aber schlecht zurecht ist, dem muss die Pflegekraft besonders nahe kommen, um ihn zu versorgen. Dabei können sich beide leicht anstecken.

Reha muss zum Leitmotiv werden

Natürlich lässt sich Nähe bei der Pflege alter Menschen nicht vollständig vermeiden. Was sich aber vermeiden ließe, das ist die Honorierung der Verschlechterung und die durch diese Verschlechterung erzwungene Nähe.
Wir müssen Rehabilitation und Training endlich zum Leitmotiv jeder Pflege machen.
Und jetzt kommt das, was viele nicht hören und nicht wahrhaben wollen: Wir können solchen Wandel nur erreichen, können die grausame Logik des Systems nur dann ändern, wenn wir uns prinzipiell vom Geldverdienenwollen und Geldverdienenmüssen in der Pflege verabschieden.

Pflege als Business funktioniert nirgendwo

Weil das Verdienen erstens zwingend zulasten der Pflegebedürftigen – und der Pflegekräfte – geht. Gewinne eines Heims (eines Restaurants, eines Autoherstellers etc.) entstehen durch die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben. Und weil die Einnahmen von Heimen an der Pflegeversicherung hängen, dadurch nur wenig beeinflussbar sind, entstehen Gewinne vor allem durch niedrige Ausgaben. Zum Beispiel für Personal, für Ausstattung, Verpflegung, Hilfsmittel – oder eben für Prävention.
Ein Land, in dem Altenpflege als Business für eine menschenwürdige Versorgung zu beherrschbaren Kosten sorgt oder gesorgt hat, gibt es nicht. Was es aber gibt, sind Länder, die sich von Privatisierung und (Pseudo-)Wettbewerb in der Pflege großenteils wieder verabschieden, weil sie verheerend schlechte Erfahrungen damit machen mussten, beispielsweise die Niederlande und Schweden. Auch über dieses Umsteuern habe ich in meinem Buch berichtet.

Deutschland bezahlt einen zu hohen Preis

Und Deutschland? Hier ist ein vergleichbares Umdenken auch nicht ansatzweise erkennbar. Wir bezahlen einen hohen Preis dafür, dass die Politik Pflege an die Privatwirtschaft delegiert hat. Denn deren Akteure haben massenhaft jene Strukturen geschaffen, mit denen sich am meisten verdienen lässt: Pflegeheime. Die werden jetzt zu regelrechten Corona-Fallen. In NRW lebte über ein Drittel der Corona-Toten zuvor in einem Heim!
Wir müssen endlich grundsätzlich darüber diskutieren, wie es mit der Pflege in Deutschland weitergehen soll und kann. Wann, wenn nicht jetzt??

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