Pflege in der Familie:
Wie eine App bei der Planung hilft

11. Februar 2020 | Autor: Christoph Lixenfeld

Bei der Pflege zu Hause sind die Lasten schlecht verteilt – auch weil sie nicht für alle Angehörigen sichtbar werden. Für beides – Sichtbarkeit und Verteilung – sorgt die Pflege-App Nui. Auch sonst unterstützt sie Familien – und nutzt dabei Künstliche Intelligenz (KI).

Pflege in Deutschland ist zu einem Gutteil unsichtbar, weil sie in privaten Wohnungen stattfindet. Drei Viertel der Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt, und zwar in den meisten Fällen von weiblichen Angehörigen. Deren Arbeit – und vor allem die Menge dieser Arbeit – wird nicht nur von der Öffentlichkeit, sondern meist auch vom Rest der eigenen Familie kaum wahrgenommen.
Denn Pflege lastet auf sehr wenigen Schultern – oft sogar ausschließlich auf denen der Hauptpflegeperson. Die gerät, wenn sie Hilfe braucht, „schnell in eine Bittstellerrolle“, sagt Markus C. Müller, Mitgründer und CEO der Nui Care GmbH. „Unangenehm ist das vor allem, wenn niemand auf die Bitte reagiert. Spätestens nach dem dritten Versuch gibt sie in der Regel auf und bleibt selbst bei der Mutter, anstatt zum Sport zu gehen.“
Es wäre also schon viel geholfen, wenn die Pflegelasten zwischen Angehörigen und Freunden der Gepflegten besser verteilt würden. Dazu müssten die anstehenden Aufgaben – und auch ihre Erfüllung – zunächst für alle sichtbarer werden.

Zwei Macher mit IT-Hintergrund

Bei beidem – Sichtbarkeit und Verteilung – hilft die Pflege-App Nui. Und auch darüber hinaus unterstützt die App Familien auf vielfältige Weise – vor allem durch Künstliche Intelligenz. Die Idee dazu hatte Christian Ehl, Softwareentwickler  und Tech-Unternehmer, als er nach einer Lösung für die Versorgung seiner Eltern suchte – und nichts Passendes fand. Unterstützung bekam er von Markus C. Müller. Auch der hat seine Wurzeln in der IT- und Softwarebranche, und auch bei Müller gibt es einen persönlichen Zugang zum Thema. 2011 verkaufte er seine Firma ubitexx an den kanadischen Smartphone-Hersteller Blackberry, wurde dessen Europachef – und stieg 2015 aus. Müller ließ sich in München zum Hospizbegleiter ausbilden, gründete selbst einen Hospizverein in der Schweiz und ist im Vorstand des Hospizvereins DaSein e.V. in München. Bei dieser ehrenamtlichen Tätigkeit erlebte er immer wieder „wie sehr Angehörige unter der Last der Pflege leiden.“

App ist absolut selbsterklärend

Nui sollte diese Last erträglicher machen, Familien gezielt und systematisch entlasten. Eine Beta-Version der Software ging im April 2019 an der Start, seit vergangenem November kann man die App offiziell in den einschlägigen App-Stores herunterladen und nutzen.
Auf dem Smartphone installiert, wirkt sie zunächst wie eine Kombination aus Messenger und digitalem Terminkalender. Was sie auch ist, nur eben angepasst an die Erfordernisse der Pflege – und ohne die Nachteile weniger spezifischer Lösungen. Auf WhatsApp zum Beispiel lässt sich ebenfalls komfortabel als Gruppe chatten, aber die App eignet sich nicht dazu, gemeinsam Aufgaben zu erledigen.
Mit Nui funktioniert das sehr gut, was auch daran liegt, dass jeder und jede, die ein Smartphone bedienen kann, die Funktionsweise der Anwendungen innerhalb von Minuten begriffen hat. Der Kalender zeigt für einen x-beliebigen Tag alle anstehenden Termine, zum Beispiel „Opa zur Physio bringen“, „Krankenkasse kontaktieren“ und „Gehhilfen abholen“. Wer einen der Termine anklickt, sieht entweder die Meldung „angenommen“ und daneben das Bild desjenigen, der die Aufgabe erledigen wird, oder den Button „auswählen“ und darunter die drei Optionen „Ich kümmere mich darum“, „Ich kann leider nicht“, „Erledigt“. Dadurch wird nicht nur sichtbar, was erledigt werden muss, sondern auch wer was – und wie viel insgesamt – erledigt hat. Die App ermuntert, fordert auf, erzeugt einen gewissen Druck. Und vor allem: sie verteilt die Lasten und erleichtert damit der Hauptpflegeperson das Leben. Wenn der Enkel mit seinem ersten, gerade erworbenen Auto eine Stunde pro Woche Besorgungen macht, dann ist damit schon etwas gewonnen.

Viele lassen sich Leistungen entgehen

Neben dem Kalender und einer Chatfunktion, über die sich die Betreuungsgruppe – oder Teile von ihr – unkompliziert austauschen können, bietet die App noch einen Chatbot. Der fragt im Chat die Details über Pflegende und Gepflegte ab, grenzt so deren Wünsche und Bedarfe ein. Es geht um Hilfsangebote und Anträge, um Leistungen, die den Familien zustehen. Und vor allem auch um solche, von denen sie selbst nichts wissen. Markus C. Müller: „Bei einer Umfrage kam heraus, dass 80 Prozent der Menschen in Bayern noch nie vom Landespflegegeld gehört haben. Das heißt unzählige Familien lassen sich die 1000 Euro pro Jahr, die jedem Pflegebedürftigen zustehen, entgehen.“

Natürlich beraten auch die Pflegekassen. Aber Müller bezweifelt, dass sie immer vollständig über alle Leistungen informieren – schon weil sie das meiste davon anschließend selbst bezahlen müssen.
Es geht also den NUI-Machern auch um unabhängige Beratung. Und die kann nicht ausschließlich von einem Chatbot geleistet werden, dazu ist das Thema  Pflege zu komplex – und die denkbaren familiären Konstellationen zu unterschiedlich. Hinzu kommt, dass sowohl Regeln als auch Angebote von Bundesland zu Bundesland höchst unterschiedlich sind. Der Bot filtert die Anfragen deshalb nur vor, reicht sie dann weiter an eine der elf MitarbeiterInnen im Münchner Büro der Nui Care GmbH. Die sucht das benötigte Formular und weitere Informationen heraus, sendet sie dem Kunden zu.

Die Maschine lernt durch jede Anfrage

Mittelfristig soll die App so intelligent werden, dass sie viele Anfragen ohne menschliche Hilfe erledigen kann, weil sie selbsttätig erkennt, was benötigt wird – sogar wenn der Kunde das selbst nicht so genau weiß. Markus C. Müller: „Wir wollen die vielen Infos, die uns die Menschen geben, sortieren und zurückspielen. Die Maschine lernt ja durch jede Anfrage, die sie bearbeitet, eine Menge dazu, dass sie auch für andere Fälle nutzen kann.“

Das heißt sie bekommt Unmengen wertvoller Daten. Die könnte das Unternehmen mit Sicherheit zu Geld machen. Doch das Nui-Geschäftsmodell ist ein anderes, und es basiert auch nicht auf Werbeeinblendungen für Altenheime oder Treppenlifte. In der Nui-App gibt es gar keine Werbung, sondern die Anwendung kostet schlicht Geld, und zwar 9,95 pro Familie und Monat.
Allerdings setzt der Anbieter für die Zukunft weniger auf Privatpersonen als Kunden und mehr auf Pflegekassen und Unternehmen. Auch für letztere gibt es bereits ein Preismodell, die Nutzung der App kostet hier – je nach Unternehmensgröße – 50 Cent bis einen Euro pro Mitarbeiter. Eine Handvoll Firmen nutzt die Anwendung bereits.

Nutzer bleiben anonym

Wichtig ist den Nui-Machern, dass auch Angestellte eines Unternehmen bei der App-Nutzung anonym bleiben, dass der Arbeitgeber dadurch nichts Privates über sie erfährt – er erfährt noch nicht einmal, wer die App nutzt und wer nicht.

Markus C. Müller: „Die meisten Menschen wollen die Tatsache, dass sie einen Pflegefall in der Familie haben, lieber für sich behalten, weil sie anderenfalls Nachteile befürchten.“ Die Stadt München zum Beispiel erfahre häufig erst durch Anträge auf Wiedereingliederungshilfen, also im Nachhinein, von Pflegefällen in den Familien ihrer Mitarbeiter.

Höchste Zeit also, die Akzeptanz der häuslichen Pflege zu erhöhen und den Betroffenen Mut zu machen, offener darüber zu sprechen. Auch und gerade innerhalb der eigenen Familie. Eine Anwendung wie Nui kann hier einen wertvollen Beitrag leisten.

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